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Pionierin der Inklusion in Jena: Kerstin Mieth geht in den Ruhestand
Am 29. September feierte Kerstin Mieth, Mitgründerin und langjährige Leiterin der Frühförderstelle und Präsidentin des QuerWege e.V., ihren Abschied nach 45 Berufsjahren. Mit viel Mut und Beharrlichkeit hat Kerstin Mieth den ersten integrativen Kindergarten Jenas gegründet, die Frühförderung in der Stadt aufgebaut und QuerWege von Beginn an geprägt. Für ihr besonderes Engagement im Bereich der frühkindlichen Bildung erhielt Kerstin Mieth 2012 den Salzmann-Preis des Landes Thüringen. In dieser Zeit hat sie hunderte Kinder in Jena betreut und begleitet. Sie ist eine echte Vorreiterin der Inklusion und engagiert sich im Ruhestand weiter im VIFF Thüringen dafür, dass Inklusion und Frühförderung in Thüringen und Jena möglich bleiben und sich stetig verbessern.
Dieser besondere Tag wurde gebührend zelebriert mit einem Abschiedsfest in der Frühförderstelle. Bei ihrem Abschied waren neben vielen QuerWege-Kolleg*innen viele externe Gäste dabei, wie Johannes Schleußner, Dezernent für Bildung, Jugend, Kultur und Sport in Jena dabei. Professor Armin Sohns von der Hochschule Nordhausen. Christine Wolfer, die Fachdienstleiterin für Jugend und Bildung der Stadt Jena und Stephanie Schmidt vom Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie.
Wir haben über ihr Wirken rückblickend ein Gespräch mit ihr geführt. Daraus ist ein schöner Artikel über Kerstin entstanden:
Vorreiterin der Inklusion in Jena
Manchmal zeigt sich erst nach Jahrzehnten, was frühe Förderung und gelebte Inklusion bewirken können. Vor Kurzem begegnete Kerstin Mieth zufällig der Mutter eines ihrer ersten Frühförderkinder wieder. Dem damals wenige Monate alten Mädchen waren aufgrund seiner angeborenen schweren Behinderungen nur sehr geringe Entwicklungsmöglichkeiten vorausgesagt worden. Heute ist das Kind von damals eine selbstständige, lebensfrohe junge Frau, die lesen und schreiben kann und nach einer beruflichen Perspektive sucht.
Für Kerstin Mieth ist diese Begegnung weit mehr als eine schöne Erinnerung. Sie steht beispielhaft für das, wofür sie sich seit Jahrzehnten einsetzt: Kinder nicht auf Diagnosen und Prognosen zu reduzieren, sondern ihnen Entwicklung zuzutrauen und ihnen von Anfang an die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
»Wenn Inklusion funktioniert und gelebt wird, profitieren alle davon«, sagt Mieth. »Menschen mit und ohne Behinderung lernen einander kennen. Das Fremde verliert seinen Schrecken und daraus können Offenheit, Verständnis und Gemeinschaft entstehen.«
Aufbruch nach der Wende
Die Geschichte von Kerstin Mieth und QuerWege beginnt in einer außergewöhnlichen Umbruchzeit. Mieth arbeitete noch zu DDR-Zeiten im Vorschulteil der Jenaer Körperbehindertenschule. Die Bedingungen dort waren gut: kleine Gruppen, therapeutische Angebote, Hilfsmittel und speziell ausgebildetes Personal. Dennoch wuchs bei ihr die Überzeugung, dass diese Form der getrennten Förderung nicht ausreichte.
»Wir hatten eine schöne Arbeit und sehr gute Bedingungen. Aber es war nicht das Leben«, erinnert sie sich. »Kinder mit Behinderung blieben unter sich und Kinder ohne Behinderung hatten kaum Gelegenheit, ihnen im Alltag zu begegnen.«
Gemeinsam mit engagierten Kolleginnen entwickelte Mieth deshalb Anfang der 1990er-Jahre ein integratives Konzept für das neu errichtete Schwabenhaus, dass es bis heute gibt. Drei sehr unterschiedliche Bereiche kamen dort zusammen: der Vorschulteil der Körperbehindertenschule, eine Sonderkrippe und ein Regelkindergarten. Mieth, damals noch keine 30 Jahre alt, übernahm die Leitung und führte die Teams zusammen.
Damit entstand das Schwabenhaus, der erste integrative Kindergarten Jenas. Die beteiligten Frauen mussten nicht nur unterschiedliche pädagogische Erfahrungen und Haltungen miteinander verbinden. Sie entwickelten in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs auch Strukturen, für die es kaum Vorbilder gab.
»Wir waren jung, voller Energie und überzeugt davon, dass wir es schaffen können«, erzählt Mieth.
Eine Gruppe von mutigen Frauen gründet ihren eigenen Verein
Als die Kinderzahlen dann bereits nach kurzer Zeit Anfang der 1990er-Jahre stark zurückgingen und kommunalen Einrichtungen Schließungen und betriebsbedingte Kündigungen drohten, stand auch die Zukunft des jungen Teams im Schwabenhaus auf dem Spiel. Der Ausweg: ein eigener freier Träger.
Rund 12 engagierte Frauen wagten im Januar 1994 den Schritt ins Unbekannte. Sie schrieben eine Satzung, gründeten den Verein »Integratives Frühförderzentrum Schwabenhaus« und wurden damit zu ihren eigenen Arbeitgeberinnen. Erfahrung in Vereinsführung, Personalverwaltung oder Finanzierung hatte kaum eine von ihnen. Was sie verband, waren Mut, fachliche Überzeugung und der Wille, ihre Arbeit fortzuführen.
Mieth bezeichnet ihre damaligen Mitstreiterinnen bis heute mit großer Anerkennung als »Powerfrauen«. Gemeinsam legten sie das Fundament für den späteren Verein QuerWege.
Eine Frühförderstelle für Jena
Schon bald erkannte Mieth eine weitere Versorgungslücke: Viele kleine Kinder mit Behinderung kamen nach der Wende später oder zunächst gar nicht in eine Kindertageseinrichtung. Gemeinsam mit anderen Frauen entwickelte sie die Idee eines offenen Angebots für Kinder und ihre Familien. Bei ihren Recherchen stießen sie auf das in Westdeutschland bereits etablierte Modell der mobilen und ambulanten Frühförderung.
Die beiden schrieben zahlreiche Frühförderstellen im Westen Deutschlands an und erhielten überraschenderweise von allen eine Antwort. Eine Einrichtung in Gießen lud sie ein und gab ihr Wissen großzügig weiter: Von Förderkonzepten und Antragswegen bis zur mobilen Arbeit in den Familien. Mit diesem Wissen, viel Eigeninitiative und Unterstützung aus der damaligen Jenaer Stadtverwaltung entstand 1992/93 eine der ersten Frühförderstellen Thüringens.
Bis heute steht die Frühförderung für einen Ansatz, den Mieth für wegweisend hält: Fachwissen muss nicht ständig an jedem Ort vorhanden sein, aber es muss zuverlässig verfügbar sein. Die Fachkräfte fördern deshalb nicht nur die einzelnen Kinder in wöchentlichen Förderstunden. Sie beraten Eltern, unterstützen pädagogische Teams und tragen ihr Wissen in Familien, Kindergärten und weitere Lebensbereiche.
Inklusion braucht mehr als gute Absichten
Auch nach 45 Dienstjahren ist Mieths Überzeugung ungebrochen: Gemeinsames Lernen und Leben sind für Menschen mit und ohne Behinderung ein Gewinn. Zugleich warnt sie davor, Inklusion lediglich zu beschließen, ohne die notwendigen Bedingungen zu schaffen.
»Es ist nicht damit getan, ein Kind in eine Regeleinrichtung aufzunehmen und darauf zu hoffen, dass es irgendwie funktioniert«, betont Mieth.
Pädagogische Fachkräfte benötigten Zeit, zusätzliches Personal und Zugang zu spezialisiertem Wissen. Statt knappe Hilfen nur einzelnen Kindern zuzuweisen, müssten Kommunen, Einrichtungen und Fachstellen gemeinsam tragfähige Konzepte entwickeln, von denen alle Kinder profitieren.
Gerade die Begegnung mit ihrem früheren Förderkind führt Mieth vor Augen, was gelungene Inklusion bewegen kann, wo aber auch weiterhin Barrieren bestehen. Die junge Frau hat sich entgegen den frühen Prognosen viele Fähigkeiten und ein selbstbestimmtes Leben erarbeitet. Bei der Suche nach einem passenden Arbeitsplatz stößt sie jedoch noch immer auf Vorbehalte.
Für Mieth schließt sich darin der Kreis: »Wenn Kinder früh gemeinsam aufwachsen, begegnen sie Menschen mit Behinderung später nicht zum ersten Mal bei einer Bewerbung oder einem Praktikum. Sie haben gelernt, Verschiedenheit einzuordnen, Fähigkeiten zu erkennen und Unsicherheiten zu überwinden. Deshalb bleibt gelebte Inklusion eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft.«
Abschied mit Zuversicht
Ende September 2026 endet für Kerstin Mieth ein außergewöhnliches Berufsleben: 45 Dienstjahre insgesamt, davon 40 prägende Jahre in Jena. Sie geht mit Stolz, Dankbarkeit und großer Zuversicht. Die Übergabe der Frühförderstelle wurde über anderthalb Jahre vorbereitet und an Ute Endlich übergeben.
»Ich habe genug angeschoben, geregelt und Verantwortung getragen. Jetzt freue ich mich darauf, loszulassen«, sagt Mieth. Für den Ruhestand hat sie viele Pläne: reisen, malen, Vorlesungen als Gasthörerin besuchen und endlich wieder häufiges Tischtennis spielen.
Mit ihrem Abschied geht eine Pionierin der integrativen Pädagogik in Jena in den Ruhestand. Was Kerstin Mieth gemeinsam mit einer kleinen Gruppe mutiger Frauen begonnen hat, wirkt in vielen Biografien und in der Arbeit von QuerWege weiter.
veröffentlicht am 01. Oktober 2026