Querwege e. V.

QuerWege e. V.

Blog

zeige alle Blog-Artikel an

Wie kommunizieren wir gendersensibel? Enstehung und Auseinandersetzung im Verein – Unser Weg bis heute

(Diesen Inhalt gibt es leider noch nicht in leichter Sprache. Wir arbeiten gerade daran.)

Worte sind niemals nur Worte. Sprache kann dazu beitragen wer sich angesprochen fühlt, wer in Texten sichtbar wird und ob Zugehörigkeit erlebt werden kann. Die Auseinandersetzung mit gendersensibler Sprache gehört für uns zu der Frage, wie wir Teilhabe, Respekt und Sichtbarkeit im Alltag eines inklusiven Trägers ernst nehmen.

Wo unsere Auseinandersetzung begann

Bereits Mitte der 2010er Jahre begann im QuerWege e. V. eine intensivere Auseinandersetzung mit der Frage, ob unsere Sprache wirklich alle Menschen gleichermaßen erreicht. Wir haben Formulierungen genutzt, die uns vertraut waren, aber nicht bei allen das Gefühl auslösen, selbstverständlich mitgemeint zu sein. Für einen Träger, der Inklusion nicht nur als fachliche Aufgabe, sondern als Haltung versteht, war das keine Nebensache. Es ging um die Frage, wie sich unser von Vielfalt geprägtes Leitbild auch sprachlich ausdrücken soll. [1][2][4]

Im Hintergrund stand eine fachliche Debatte, die uns damals zunehmend beschäftigt hat. Psycholinguistische und sozialpsychologische Forschung weist seit Jahren darauf hin, dass generische maskuline Formen in der Verwendung häufig keine wirklich geschlechtsneutrale Vorstellung auslösen, sondern eher männliche Bilder aktivieren. Viele Studien legen nahe, dass geschlechtergerechte Formulierungen Stereotype verringern und etwa das Zutrauen von Kindern in traditionell männlich markierte Berufe stärken können. [2][3][4]

Die ersten Schritte im Träger
Aus dieser Einsicht heraus entstand im damaligen Vorstand die Initiative, die bisherige Sprachpraxis bei QuerWege zu überdenken und erste Veränderungen praktisch umzusetzen. Sichtbar war das zunächst vor allem in Formularen, offiziellen Dokumenten, der Internetseite und der Kommunikation in sozialen Medien.

In dieser Phase haben wir verschiedene Modelle geprüft und ausprobiert und entschieden uns schließlich dafür, in der Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit die Schreibweise mit dem (*) (genannt: Gendersternchen oder Asterik) zu verwenden. Aus heutiger Sicht war diese Entscheidung Ausdruck eines ernst gemeinten Versuchs, mehr Sichtbarkeit herzustellen und Menschen in ihrer Vielfalt sprachlich nicht an den Rand zu drängen.

Mit dieser Entscheidung war ein wichtiger Schritt getan. Zugleich blieb die weitere Ausgestaltung offen. Es gab damals keine umfassende, für alle Kontexte und Einrichtungen ausgearbeitete Festlegung zur gendersensiblen Sprache im QuerWege e. V. In der Praxis entstanden deshalb unterschiedliche Formen der Umsetzung, denn die Menschen in unseren Einrichtungen schauen unterschiedlich auf das Thema, bringen biografische Erfahrungen und verschiedene sprachliche Zugänge mit.

Rückblickend sehen wir darin beides: eine Stärke und eine Herausforderung. Die Stärke lag darin, dass individuelle Ausdrucksweisen nicht vorschnell normiert wurden. Die Herausforderung bestand darin, dass sich ohne gemeinsame Orientierung keine durchgehend einheitliche Praxis herausbildete. Gerade in einem großen Träger kann das auf Dauer zu Uneindeutigkeit in der internen und externen Kommunikation führen.

Was wir heute genauer sehen

Aus dem Kreis der Leitungen unserer Einrichtungen wurde deshalb in den letzten Jahren der Wunsch an den Vorstand herangetragen, das Thema noch einmal bewusst aufzugreifen und für den Träger eine zeitgemäße, orientierungsgebende Richtung zu formulieren. Deshalb haben wir uns als Vorstand noch einmal vertieft mit wissenschaftlichen Befunden, normativen Empfehlungen und Fragen der Barrierefreiheit auseinandergesetzt.

Heute, im Jahr 2026, stellt sich das Thema noch einmal umfänglicher als damals dar. Es geht nicht nur um Sichtbarkeit und Identifikation, sondern auch um Verständlichkeit, Vorlesbarkeit, Barrierefreiheit, institutionelle Eindeutigkeit und praktische Handhabbarkeit. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat 2023 seine Kriterien für geschlechtergerechte Schreibung bekräftigt: Sprache soll alle Menschen ansprechen, zugleich aber sachlich korrekt, verständlich, lesbar, vorlesbar, rechtssicher, übertragbar und lernbar bleiben. Sonderzeichen wie Asterisk, Unterstrich oder Doppelpunkt wurden deshalb nicht in das Amtliche Regelwerk aufgenommen, das für Schulen und öffentliche Verwaltung maßgeblich ist. [5]

Auch die Frage der Barrierefreiheit ist heute deutlicher im Blick. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband empfiehlt bevorzugt Textlösungen ohne ausschließende Wirkung, etwa neutrale Begriffe, und nachrangig Beidnennungen. Kurzformen mit Sonderzeichen bewertet der Verband als für viele blinde und sehbehinderte Menschen problematisch; wenn sie dennoch verwendet werden, hält er das Sternchen für günstiger als Doppelpunkt oder Unterstrich. Für uns ist das ein wichtiger Hinweis darauf, dass Inklusion immer mehrere Perspektiven zugleich mitdenken muss. [6]

Zugleich ist die wissenschaftliche Lage zur Verständlichkeit einzelner Genderformen differenziert. Es gibt Studien, in denen das Gendersternchen keine nennenswerten Nachteile zeigte und andere, in denen je nach Text, Thema und Zahl der Singularformen messbare Einbußen bei Verständlichkeit und ästhetischer Bewertung gefunden wurden. Eine andere Studie zu deutschen Pressetexten kommt wiederum zu dem Ergebnis, dass im Durchschnitt weniger als ein Prozent aller laufenden Wörter von genderinklusiven Umformulierungen betroffen wären. Für uns folgt daraus nicht, dass es eine einfache Patentlösung gibt. Es folgt vielmehr, dass eine verantwortliche Sprachpraxis verschiedene Gütekriterien zugleich abwägen muss. [7][8]

Worum es uns heute geht

Unsere heutige Auseinandersetzung versucht, zwei Dinge zusammenzubringen. Zum einen achten wir die Freiheit und Würde individueller Sprachpraxis. Wir nehmen ernst, dass Menschen Regelungen als fremdbestimmt erleben können, wenn zu stark in persönliche Ausdrucksweisen eingegriffen wird. Deshalb verstehen wir gendersensible Sprache nicht als sprachliche Vorschrift und nicht als Mittel der Kontrolle.

Zum anderen sehen wir eine Verantwortung des Trägers für seine offizielle Kommunikation. Wer für Teilhabe, Respekt und eine zeitgemäße fachliche Praxis steht, sollte sich auch sprachlich um eine Form bemühen, die begründet, reflektiert und anschlussfähig ist. Unser Ziel ist, für unsere institutionelle Kommunikation eine Orientierung zu entwickeln, die fachlich nachvollziehbar ist, unser Leitbild ernst nimmt und die verschiedenen Anforderungen an Inklusion nicht gegeneinander ausspielt.

Unser Weg: Verbindlichkeit und Spielraum

Aus dieser Abwägung heraus hat der Vorstand für die institutionelle Kommunikation eine klare und zugleich differenzierte Orientierung beschlossen. In unseren Vertragswerken und im Intranet bleibt das geschriebene Wort weiterhin an der Schreibweise mit dem Gendersternchen (*) orientiert, sofern keine rechtlichen, technischen oder fachlich zwingenden Gründe im Einzelfall eine andere Form nahelegen. Diese Schreibweise steht für die bewusste Sichtbarmachung geschlechtlicher Vielfalt in zentralen schriftlichen Räumen des Trägers. Sie gibt dort Verlässlichkeit, wo Dokumente über längere Zeit wirken, wiedergefunden werden und für viele Menschen gleichermaßen gelten.

Für die laufende schriftliche Kommunikation in Microsoft Teams und per E-Mail sowie für das gesprochene Wort wählen wir einen anderen Zugang. Hier wollen wir keine starre Form vorgeben, sondern Annäherungsziele formulieren: möglichst genderneutral, verständlich, respektvoll und alltagstauglich zu kommunizieren. Gemeint sind Formulierungen, die ohne Sonderzeichen auskommen, wo sie gut passen – zum Beispiel »Mitarbeitende«, »Team«, »Fachkräfte«, »Leitungen«, »Teilnehmende« oder »Menschen, die …«.

Wo eine neutrale Form unpassend, künstlich oder ungenau wirkt, geht es nicht um Perfektion, sondern um eine reflektierte Wahl. Wir wollen damit eine Sprachpraxis fördern, die Orientierung gibt, aber nicht kontrolliert; die zur Auseinandersetzung einlädt, aber Menschen nicht auf eine einzige Ausdrucksweise festlegt.

Die hier ausgeführten Gedanken sollen als Einladung verstanden werden, wie wir im Verein Haltung zeigen können. Wir als Vorstand verstehen diese Orientierung als Teil unserer Vorbildfunktion und freuen uns, wenn wir uns alle gemeinsam auf den Weg machen, sensibler auf unsere verwendete Sprache zu schauen – ob in Teamsitzungen, externen Mitteilungen, in Kontakt mit Schüler*innen, bei Elterngesprächen, Beratungen mit anderen Institutionen usw.

Übrigens: Wer den eigenen Umgang mit gendersensibler Sprache weiterentwickeln möchte, findet auf der Seite Geschickt gendern eine praktische Inspirationsquelle. Die Seite beschreibt sich als Genderwörterbuch und bietet alternative gendergerechte Begriffe, Anregungen und verschiedene Schreibweisen; sie ist daher als Inspirationsquelle gut anschlussfähig, aber nicht als verbindliches Regelwerk zu rahmen.


Quellen und Arbeitsgrundlagen
[1] QuerWege e. V.: Unser Selbstverständnis /​ Struktur und Leitbild. URL: https:/​/​www.querwege.de/​querwege/​de/​inklusion/​unser-selbstverstaendnis/​ sowie https:/​/​querwege.de/​querwege/​de/​verein/​struktur-und-leitbild/​
[2] Sczesny, Sabine; Formanowicz, Magda; Moser, Franziska (2016): Can Gender-Fair Language Reduce Gender Stereotyping and Discrimination? Frontiers in Psychology. URL: https:/​/​www.frontiersin.org/​journals/​psychology/​articles/​10.3389/​fpsyg.2016.00025/​full
[3] Vervecken, Dries; Hannover, Bettina (2015): Yes I Can! Effects of Gender Fair Job Descriptions on Children’s Perceptions of Job Status, Job Difficulty, and Vocational Self-Efficacy. Social Psychology, 46(2), 76–92. DOI /​ Nachweis: https:/​/​doi.org/​10.1027/​1864–9335/​a000229
[4] Gygax, Pascal et al. (2008): Generically intended, but specifically interpreted: When beauticians, musicians, and mechanics are all men. Language and Cognitive Processes, 23(3), 464–485. DOI: https:/​/​doi.org/​10.1080/​01690960701702035
[5] Rat für deutsche Rechtschreibung (15.12.2023): Geschlechtergerechte Schreibung: Erläuterungen, Begründung und Kriterien. URL: https:/​/​www.rechtschreibrat.com/​geschlechtergerechte-schreibung-erlaeuterungen-begruendung-und-kriterien-vom-15–12–2023/​
[6] Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV): Gendern. URL: https:/​/​www.dbsv.org/​gendern.html
[7] Friedrich, Markus C. G. et al. (2021): The Influence of the Gender Asterisk (»Gendersternchen«) on Comprehensibility and Interest. Frontiers in Psychology. URL: https:/​/​www.frontiersin.org/​journals/​psychology/​articles/​10.3389/​fpsyg.2021.760062/​full
[8] Müller-Spitzer, Carolin; Ochs, Samira; Koplenig, Alexander; Rüdiger, Jan-Oliver; Wolfer, Sascha (2024): Less than one percent of words would be affected by gender-inclusive language in German press texts. Open Access /​ Nachweis: https:/​/​ids-pub.bsz-bw.de/​frontdoor/​index/​index/​year/​2024/​docId/​12487
[9] Interne Arbeitsgrundlage: »Thema gendergerechte Sprache – Einführung« (bereitgestelltes Arbeitsdokument /​ Vorlage).

veröffentlicht am 16. Juni 2026