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Inklusion braucht Verlässlichkeit – was die Reform der Kinder- und Jugendhilfe für Familien und Fachkräfte bedeutet
Wenn Eltern nicht sicher sein können, ob ihr Kind in Kita, Schule oder Ganztag verlässlich begleitet wird, wird Inklusion im Alltag brüchig. Genau deshalb schauen wir bei QuerWege sehr genau auf den aktuellen Referentenentwurf zur Reform der Kinder- und Jugendhilfe.
Für uns ist klar: Eine inklusive Kinder- und Jugendhilfe ist richtig. Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung sollen verlässlich, passgenau und ohne unnötige Hürden unterstützt werden. Zugleich gilt: Eine Reform ist nur dann gut, wenn sie Teilhabe, Qualität und Stabilität stärkt – und nicht Unterstützung im Alltag unsicherer macht.
Derzeit geht es um einen Entwurf, nicht um fertige Regeln. Für Familien und Kolleg*innen gibt es deshalb keinen Anlass für vorschnelle Schlüsse im Alltag. Es gibt aber guten Grund, jetzt klar Stellung zu beziehen.
Worum geht es?
Mit der Reform sollen Zuständigkeiten in der Kinder- und Jugendhilfe neu geordnet werden. Das Ziel einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe unterstützen wir ausdrücklich. Kritisch wird es dort, wo individuelle Hilfen künftig stärker in allgemeine Infrastrukturmodelle verschoben werden sollen – zum Beispiel bei Bildungsassistenz in Kita, Schule und Hochschule.
Im Kern steht deshalb eine einfache Frage: Bleibt Unterstützung auch künftig so nah, verlässlich und passgenau, wie Kinder, Jugendliche und Familien sie tatsächlich brauchen?
Warum uns das direkt betrifft
Für QuerWege ist das keine abstrakte Debatte. Wir arbeiten seit vielen Jahren in der Schulbegleitung, in der familiennahen Frühförderung, in Kitas und in eigenen Schulen an inklusiven Bildungswegen. Wir wissen aus der Praxis: Gute Unterstützung besteht nicht nur aus »Begleitung vor Ort«. Sie lebt auch von Beziehungskontinuität, heilpädagogischer Fachlichkeit, Abstimmung mit Eltern, Kooperation mit Schule oder Kita, Krisenintervention und guter Koordination.
Genau diese reale Arbeit darf in neuen Strukturmodellen nicht unsichtbar werden.
Was für Familien auf dem Spiel steht
Familien brauchen vor allem Verlässlichkeit. Wenn individuelle Unterstützung nur noch im Ausnahmefall erreichbar ist oder erst mühsam begründet werden muss, wächst der Druck auf Eltern – und auf Kinder, die auf passende Hilfen angewiesen sind.
Das gilt besonders für Bildungswege in Kita, Schule und Ganztag. Es gilt aber auch für die Frühförderung. Familiennahe, mobile und interdisziplinäre Frühförderung darf nicht stillschweigend in allgemeine Regelangebote aufgelöst werden. Kinder brauchen manchmal sehr spezifische Unterstützung. Und Familien brauchen die Sicherheit, dass diese Unterstützung nicht durch organisatorische Vereinfachung verloren geht.
Auch freie Schulen und inklusive Bildungsorte müssen in Planung und Finanzierung mitgedacht werden. Inklusion endet nicht an der Schulform.
Was für Kolleg*innen auf dem Spiel steht
Kolleg*innen erleben jeden Tag, dass gute inklusive Praxis mehr ist als eine einzelne Direktleistung. Gute Arbeit braucht Zeit für Abstimmung, Elternarbeit, Dokumentation, fachliche Reflexion, Kooperation, Vertretung, Fortbildung und Qualitätssicherung.
Wenn künftige Finanzierungslogiken nur noch das unmittelbar Sichtbare vergüten, wird zentrale Arbeit im Hintergrund abgewertet. Das hätte Folgen für Qualität, Verlässlichkeit und Fachlichkeit.
Ebenso wichtig ist: Die Reform darf nicht zu einer verdeckten Absenkung von Standards führen. Inklusion braucht qualifikationsgerechte Profile, tragfähige Rahmenbedingungen und eine Finanzierung, die echte Praxis mitdenkt.
Wofür QuerWege sich einsetzt
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Für verlässliche individuelle Hilfen. Dort, wo ein Bedarf nur durch eine individualisierte Unterstützung gedeckt werden kann, muss diese Hilfe auch künftig niedrigschwellig und rechtssicher verfügbar bleiben.
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Für eine starke Frühförderung und spezialisierte Fachlichkeit. Frühförderung, heilpädagogische Leistungen, Unterstützte Kommunikation und andere spezialisierte Module müssen als eigenständige und fachlich belastbare Leistungen erhalten bleiben.
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Für eine faire Finanzierung. Koordination, Elternarbeit, Krisenintervention, Qualitätssicherung, Dokumentation, Fortbildung und Vertretungsreserven gehören zur realen Arbeit dazu und müssen auch refinanziert werden.
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Für die Einbeziehung von Ganztag und freien Schulen. Teilhabe darf nicht am Stundenplan enden. Und sie darf nicht daran scheitern, dass inklusive Bildungsorte unterschiedlich behandelt werden.
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Für echte Beteiligung der Praxis. Freie Träger dürfen in der Umsetzung nicht auf die Rolle bloßer Zuarbeit reduziert werden. Gute Lösungen entstehen dort, wo Erfahrung aus der Praxis ernsthaft beteiligt wird.
Warum wir das so deutlich sagen
QuerWege bringt sich nicht aus einer bewahrenden Haltung in diese Debatte ein. Wir verbinden unsere Kritik mit praktischer Erfahrung: aus der Schulbegleitung, aus der Frühförderung, aus inklusiven Bildungsorten und aus kooperativen Modellen vor Ort.
Wir sind überzeugt: Inklusion braucht Entwicklung. Aber Entwicklung gelingt nicht über unterfinanzierte Strukturverschiebungen. Sie gelingt dort, wo Fachlichkeit, Beteiligung und Verlässlichkeit zusammenkommen.
Unser Fazit
Ob eine Reform gut gemacht ist, merken Familien nicht an Paragrafen. Sie merken es daran, ob Unterstützung verlässlich bleibt, Zuständigkeiten klarer werden und Kinder und Jugendliche auch im Alltag wirklich teilhaben können.
Genau dafür setzt sich QuerWege ein: für eine inklusive Kinder- und Jugendhilfe, die ihren Namen verdient – fachlich stark, menschlich verlässlich und praktisch tragfähig.
Sobald sich Rahmenbedingungen konkretisieren, informieren wir transparent und verständlich weiter.
Im Download-Bereich:
· QuerWege-Stellungnahme zum Referentenentwurf des 1. KJHSRG
· Stellungnahme der BAGFW
· Einordnung des Paritätischen
Text: Marvin David – Geschäftsführender Vorstand des QuerWege e.V.
veröffentlicht am 22. April 2026